Tagung des BUND Mecklenburg-Vorpommern
"Alleenfreundlicher Winterdienst"
Güstrow, 7.November 2006

Auswertung

Alleenschutz ist eine anspruchsvolle Aufgabe im Spannungsfeld zwischen Verkehrs- und Nutzungsinteressen und Bewahrung von Natur- und Kulturlandschaft. Aus naturschutzfachlicher Sicht sind Alleen wichtige biotopverbindende Elemente, Lebensraum für zahlreiche Tierarten und fungieren unter anderem als (Feinstaub-) Filter und Erosionsschutz. Alleen sind bedeutsam für die regionale Identität, insbesondere in den ländlich geprägten Gebieten. Nicht von ungefähr starten verschiedene der alten Bundesländer wie zum Beispiel Nordrhein Westfalen neue Initiativen für Alleenpflanzungen. In den neuen Bundesländern stehen die alten Alleen allerdings noch immer im Spannungsfeld zwischen überzogenen „Mobilitätsbedürfnissen“ und Erhalt von Natur und Landschaft.
Der BUND Mecklenburg-Vorpommern setzt sich seit Jahren mit viel Engagement für den Erhalt und Schutz der Alleen ein und hat deshalb bereits zum zweiten Mal zu einer Tagung "Alleenfreundlicher Winterdienst" eingeladen.
Das Anliegen der Tagung ist nach Meinung des BUND von elementarer Bedeutung für den Erhalt der Alleen in unserem Bundesland. Mit der Entscheidung für oder gegen einen alleenfreundlichen Winterdienst fällt auch die Entscheidung für oder gegen unser Kulturgut, die Alleen.
Natürlich ist der Konflikt zwischen Erhalt der Alleen und der Sicherheit auf unseren Straßen bei Schnee und Eis nicht einfach zu lösen.
Die Meinung, gegen Schnee und Eis auf den Straßen kommt nur der Einsatz von Tausalzeinsatz in Frage geht konform mit der Forderung vieler Autofahrer auf freie Straßen auch im Winter.
Untersuchungen laut Öko-Institut haben aber gezeigt, dass auf nicht geräumten Fahrbahnen keineswegs mehr Unfälle geschehen als auf gestreuten. Ursächlich ist hier, dass die Autofahrer die Gefahr erkennen und sich entsprechend umsichtig verhalten.
Dagegen suggerieren gestreute Fahrbahnen eine trügerische Sicherheit, was zu hohen Geschwindigkeiten verleitet. Hohe Tempi und Salz bedingen einander. (Umweltbundesamt: Presse-Information 33/2003)
Es wird die Meinung vertreten, dass mit der heutigen Technik, der Feuchtsalzausbringung, schon eine maximale Reduzierung des Tausalzeinsatzes erreicht wurde und 10g pro m² nicht schädlich sind.
Eine einfache Rechnung zeigt aber: Bei einem durchschnittlichen Tausalzverbrauch von 35.000t pro Jahr auf unseren Bundes- und Landesstraßen seit der Wiedervereinigung, also in den letzten 16Jahren, wurden insgesamt 55kg Tausalz pro laufenden Meter oder anders ausgedrückt, ca. 15kg pro m², ausgebracht, so Katharina Brückmann, Referentin Alleenschutz BUND Mecklenburg-Vorpommern.
Sicherlich wird Salz auch ausgespült aber bei weitem nicht alles.
Fakt ist, den Bäumen geht es schlecht, insbesondere unserem Altbaumbestand aber auch einige Neuanpflanzungen haben es schwer, anzuwachsen und zu gedeihen und es ist zu bezweifeln, ob sie jemals so ein stattliches Alter erreichen werden, wie unsere alten Alleebäume.
Deswegen hat der BUND an alle Anwesenden appelliert, das Thema ernsthaft zu diskutieren und nach einer Änderung der gegenwärtigen Praxis zu suchen.
Sehr gefreut hat uns auch die rege Teilnahme an der Tagung. Alle Straßenbauämter und die meisten Landkreise waren vertreten. Wir sind der Meinung, dass wir mit der Tagung durchaus positive Impulse für einen alleenfreundlichen Winterdienst geben konnten
was insbesondere der hohen Qualität der Referate zu verdanken ist, die auch zur Diskussion und sicherlich auch zum Nachdenken anregten.

Gleich zu Beginn hat es Herr Dr. Gregor vom Umweltbundesamt noch einmal deutlich gesagt, Salzstreuung in Alleen ist immer eine Entscheidung gegen die betreffende Allee - einen Kompromiss gibt es nicht. Die einzige Alternative heißt, kein Feuchtsalz auszubringen. Weiter führte er aus, dass aus der typischen Baumartenverteilung hervorgeht, dass Linde, Ahorn und Kastanie, die salzempfindlichsten unserer Alleebaumarten, zusammen mehr als 60% der Bestände ausmachen. Für die Schadwirkung von Tausalz werden typische Schadbilder gezeigt und baumphysiologische Aspekte angesprochen.
 

Tausalzwirkungen auf Böden und Pflanzen

Pflanze
•Kontaktschäden (z.B.Ätzwirkung)
•osmotische Wirkung („Wassermangel“)
•Salzaufnahme, Speicherung
•Nährstoffmangel, Störung des Kaliumhaushalts
•Blattchlorosen/-nekrosen, Blattverlust
•Salzkreislauf, Rückverlagerung
•Boden
•Salz-Akkumulation
•Nährstoffauswaschung/-austausch
•Alkalisierung
•Schäden an der Bodenflora, Mykorrhizaschäden
•Verschlämmung
•Verdichtung
•Grundwasserschädigung

90% der Schadwirkung von Tausalz erfolgt über den Boden, nur etwa 10% gelangen über das Spritzwasser direkt auf die Vegetation am Straßenrand. Als Folge der direkten Einwirkung werden Kontaktschäden beobachtet. Die Hauptwirkung des Salzes im Winterdienst aber geht – mit Verzögerung - über den Bodenpfad. Und, unglücklicherweise, reichert sich das Salz im straßennahen Boden an.
Trotz aller denkbaren technischen Vorkehrungen, und Sanierungsmaßnahmen um Salzeinwirkungen zu verringern, wie z.B. Abweisung oder Ableitung salzhaltigen Schmelzwassers, Hochbordsteine, Bodenversiegelung, wiederholter Bodenaustausch und Bewässerung, ist ein herkömmlicher Winterdienst, der Salzeinsatz zulässt, selbst mit den minimalen Lebensansprüchen unserer unersetzlichen Alleebäume nicht vereinbar. Eine dauerhafte Sanierung der Straßenrandböden oder eine Revitalisierung geschädigter Bäume ist unmöglich, wenn Salzeinsätze beibehalten werden. Alternative Auftaumittel verursachen oft schwerer wiegende Schäden. Als wirksamste Möglichkeit zum dauerhaften Schutz von Alleebäumen bietet sich ein Verzicht auf den Salzeinsatz an.
Auch Salzschäden an Brücken- und Stützbauwerken, Bodenversalzung und Wirkungen auf das Grundwasser haben entlang deutscher Straßen über mehr als vier Jahrzehnte unschätzbare Verluste angerichtet. Auch dies ist ein Grund, den Einsatz der gefährlichen Umweltchemikalie "Tausalz" schnellstens und drastisch einzuschränken, sagt Dr. Gregor.
Hoffnung kann uns aber seine Aussage geben, die Bäume können sich erholen wenn der Winterdienst in Zukunft auf Salz verzichtet. Interessant für uns aus Umweltsicht war auch die Aussage, dass es bei eingeschränktem Winterdienst ÖPNV-Zuwächse für Taxis und Bahnen in Höhe von 10% geben kann...

Am Beispiel des Landkreises Ostvorpommern wurde deutlich, dass mit kommunalpolitischer Initiative und dem Willen, etwas verändern zu wollen, Erfolge erzielt werden können. Auch wenn es in diesem Jahr erst eine Allee sein wird, die vom Tausalz verschont bleibt, so ist doch ein Anfang gemacht. Die einleitenden Worte von Frau Kaspar, Kreistagsabgeordnete der SPD im Landkreis Ostvorpommern, und auch des Referat von Herrn Weier aus dem Umweltamt des Landkreises haben den Beteiligten gezeigt, das die Erarbeitung eines Konzeptes möglich und finanzierbar ist. Der Landkreis hat auch signalisiert, dass das Grundkonzept für das Alleenentwicklungskonzept gerne weitergegeben wird. Das Engagement in Ostvorpommern findet hoffentlich viele Nachahmer. Der BUND wird weiterhin an dem großen Ziel, der Erarbeitung einer umfassenden Planung der Alleenlandschaft in Mecklenburg-Vorpommern in Form von Alleenentwicklungskonzepten mit eingearbeitetem differenzierten Winterdienst,( Vorschlag des BUND für einen Alleenfreundlichen Winterdienst)
in allen Landkreisen für Kreis- und untergeordnete Straßen und für alle Straßenbauämter für Bundes- und Landesstraßen, festhalten. Wir bieten gerne Hilfe bei der politischen Willensbildung und der Erstellung dieser Konzepte an.
Es hat sich außerdem schon jetzt gezeigt, dass der Austausch von Informationen zwischen den Landkreisen verbessert werden kann und sollte.

In diesem Zusammenhang war die Aussage von Herrn Jenßen, Referat Straßenbau des Wirtschaftsministeriums, dass es einen gesonderten Erlass zu dem Alleenentwicklungsprogramm für Mecklenburg-Vorpommern nicht geben wird und jeder Verantwortliche jetzt gefordert ist, dieses umzusetzen, von großer Bedeutung.Die Daten des Alleenentwicklungsprogramms für Mecklenburg-Vorpommern, auch in digitaler Form, stellt Herr Jenßen jedem Kreis zur Verfügung.


Ein differenzierter Winterdienst setzt voraus, dass die Alleen in ihrer Bedeutung bewertet und mit der Verkehrs- und Unfallhäufigkeit abgeglichen werden. Wie dieses möglich ist, hat Frau Peters-Ostenberg von der Universität Rostock in ihrem Referat verdeutlicht und es war auch sehr interessant zu erfahren, dass gut die Hälfte der sehenswerten Alleen entlang der Bundes- und Landesstraßen des Landes an gering frequentierten Straßen liegen.
Um der Bedeutung der Alleen gerecht zu werden und um diese weiter zu entwickeln, wurde als ein erster Schritt die Erarbeitung eines regionalen Alleenentwicklungskonzeptes für das Landes- und Bundesstraßennetz im Zuständigkeitsbereich des Straßenbauamtes Güstrow durch die Straßenbauverwaltung M-V initiiert. Das GIS-gestützte Alleenentwicklungskonzept basiert auf einer umfassenden Bestandserfassung und –bewertung. In Abwägung mit den Aspekten Verkehrssicherheit, Leitungstrassen, geplante Radwege- und Ausbauvorhaben sowie der Nachbarschaftsnutzung wurden Erhaltungs- und Entwicklungspotentiale vorhandener Alleen aufgezeigt und geeignete, unbepflanzte Straßenabschnitte zur Neuanlage von Alleen ausgewiesen, um das vorhandene Alleennetz weiter auszubauen. Das Vorhaben trug in M-V Pilotcharakter und sollte somit auch eine auf andere Bereiche übertragbare, praktikable und effiziente Methodik bereitstellen, führte Frau Peters-Ostenberg in ihrem Referat aus.
In Auswertung der Ergebnisse des o. g. Alleenentwicklungskonzeptes wurde durch das Wirtschaftsministerium in Absprache mit dem Landesamt für Straßenbau und Verkehr beschlossen, über die Erhebung und Beurteilung notwendiger Ausgangsdaten in den anderen drei Straßenbauämtern, die Grundlage für die Erstellung eines landesweiten Alleenentwicklungsprogramms zu schaffen.
Ein wichtiger Aspekt im Alleenentwicklungsprogramm war auch die Ausweisung wertvoller Alleenbereiche, deren Erhaltung große Bedeutung zukommt. Das sind Baumbestände der Kategorien Allee / Baumreihe bzw. geschlossene Allee / Baumreihe gemäß Alleenerlass Mecklenburg-Vorpommern mit hohem ästhetischen Wert vor allem in Hinblick auf die Eigenschaften Geschlossenheit, Gleichartigkeit der Pflanzanlage, enger Verbund Baum – Straße und wesentliches Element des Landschaftsbildes.
Grundlage für die Ausweisung der wertvollen Alleebereiche waren zum einen Erhebungen der Straßenbauverwaltung des Landes und zum anderen eigene Aufnahmen im Zuständigkeitsbereich des Straßenbauamtes Güstrow.
An 516 km der L- und B-Straßen in M-V befinden sich sehenswerte Alleen. Das entspricht 10 % der Gesamtlänge des Straßennetzes in M-V. Davon sind 178 km (8 % von 2.075 km) an B-Straßen und 338 km (10 % von 3.245 km) an L-Straßen. Verschneidet man die wertvollen Alleeabschnitte mit den Daten der Verkehrsmengenkarte wird deutlich, dass gut die Hälfte dieser Alleen an gering frequentierten Straßen liegen.
Damit die noch vorhandenen wertvollen Alleenbereiche erhalten und die Alleenentwicklung in M-V über Neupflanzungen auch in den nächsten Jahrzehnten effizient und nachhaltig erfolgen kann, sind entsprechende Rahmenbedingungen zu gewährleisten. Dazu gehört neben den Aspekten Pflege, Baumartenwahl, optimale Standortbedingungen und entsprechende Personal- und Finanzausstattung auch der sorgsame und bedarfsgerechte Umgang mit Streusalzen bzw. ihr möglicher Ersatz durch adäquate Streumittel im Straßenwinterdienst.

Wie die Umsetzung eines Konzeptes in Bezug auf Neuanpflanzungen von Alleen aussehen kann, stellte Herr Dr. Reiter vom Straßenbauamt Güstrow vor.
In Wort und Bild bewies er, dass auch Neuanpflanzungen in einem Abstand von 3,50m vom Straßenrand entfernt zu wunderschönen Alleen heranwachsen können. Wichtig ist die Standortbedingungen so optimal wie möglich zu gestalten und mit Sorgfalt Art und Qualität des Pflanzmaterials zu wählen.
Das Konzept mit Darstellung des Ist-Zustandes und des Planungsziels einzelner Alleenentwicklungsstrecken unterstützt die projektorientierte Landschaftsplanung des SBA Güstrow und findet Eingang in die Landschaftspflegerischen Begleitpläne zur Begründung und räumlichen Anordnung von Alleenpflanzungen als Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen, so Herr Dr. Reiter.
Gemäß der Vorgabe aus dem landesweiten Alleenentwicklungsprogramm M-V sind pro Jahr ca. 1800 Bäume in jedem der 4 Straßenbauämter zu pflanzen. Realisiert wurden im SBA Güstrow im Zeitraum von 2003 bis 2006 ca. 2000 Alleebaumpflanzungen pro Jahr.
Im Ergebnis seiner Ausführungen kommt Herr Dr. Reiter zu dem Schluss, dass die im Zuge der aktuellen Neupflanzungen zum Tragen kommenden größeren Abstände zum Fahrbahnrand eine nachhaltigere Entwicklung von neu gepflanzten Alleebäumen im Vergleich zum überwiegend im Bankett stehenden Altbaumbestand gewährleisten.

Die Aussage von Rechtsanwalt Herrn Kremer, dass es gibt keine rechtliche Verpflichtung zum Einsatz von Tausalz gibt, wollen einige noch immer nicht glauben. Wir haben aber die Hoffnung, dass durch die ständige Wiederholung es irgendwann vielleicht auch der Letzte begreifen wird, dass es notwendig und auch gesetzlich ist, nach Alternativen zu suchen. Für viele Teilnehmer war es auch erstaunlich zu hören, dass mit dem Ausbringen von Tausalz eigentlich gesetzwidrig, nämlich gegen das Naturschutzgesetz, gehandelt wird.



Pressekonferenz - Tagung 2006 in Güstrow
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