Die Geschichte des Zwischenlagers Nord bei Lubmin an der Ostsee

von Christa Labouvie, Bürgerbündnis Ostvorpommern


Seit 50 Jahren wird Atommüll produziert und bis heute hat noch niemand eine Lösung für die Endlagerung dieser gefährlichen radioaktiven Abfälle gefunden.


1991
Antrag GNS (Essener Gesellschaft für Nuklearservice, Prokurist Dieter Rittscher) auf den Bau eines Zwischenlagers Nord bei Lubmin am Greifswalder Bodden. Die Hallen sollen im Endausbau 200 000 Kubikmeter Fassungsvermögen haben - genug, um den gesamten Atommüll der 19 deutschen Meiler aufnehmen zu können. Damals hieß es u.a. seitens der Betreiber Energiewerke Nord (EWN):

"'Wir lagern nur atomare Abfälle aus ostdeutschen Kraftwerken ein', versichert Manfred Meurer von den Energiewerken Nord, die das Lager zusammen mit der GNS betreiben. Auch die Schweriner Landesregierung beteuert, ausschließlich Ost-Atommüll werde angenommen - der Stoff aus West-Kernkraftwerken gehe nach der Wiederaufarbeitung in Frankreich und England weiterhin zur Lagerung ins nordrhein-westfälische Ahaus oder ins niedersächsische Gorleben. Doch Wolfgang Baumann, Jurist des Bundes für Umwelt- und Naturschutz in Deutschland (BUND), weiß aus internen GNS-Unterlagen, daß das Zwischenlager eine 'universelle Anlage zur Bearbeitung und Verarbeitung radioaktiver Abfälle und Reststoffe' sein soll. Zudem heißt es im GNS-Antrag zum Bauvorbescheid vom 15. Juli 1992, das Zwischenlager Nord werde auch für 'konditionierte Abfälle aus der Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen' gebaut. In den Hallen 6 und 7 sind die Krananlagen schon für großdimensionierte Transportfässer wie etwa Castor-Behälter ausgelegt. Somit wäre die Anlage tauglich für nahezu jede Art von Strahlenmüll - auch aus Westdeutschland oder Atomfabriken wie La Hague in Frankreich oder Sellafield in England. 'Eine einzige Bundesanweisung verpflichtet die Mecklenburger, ihr Lager zu öffnen', sagt Jurist Baumann. Sein Fazit: Die Landesregierung versuche, 'die Bevölkerung einzulullen'".

(aus Spiegel 1/96)


1994 wurde das Zwischenlager Nord (ZLN) eine Tochtergesellschaft der EWN GmbH mit dem alleinigen Geschäftsführer Dieter Rittscher.

Angela Merkel verbürgte sich 1995 dafür, dass kein Westmüll ins Zwischenlager Nord kommt und bestätigte das 1998 noch einmal (Spiegel 9/98):

"Das Argument, daß die Bevölkerung in Greifswald so ruhig sei, soll nicht für Castortransporte aus dem Westen herhalten."

 

2000 wurde das Bundesfinanzministerium alleiniger Gesellschafter der EWN GmbH


2003 stellte die "Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe Rückbau und Entsorgungs-GmbH", kurz WAK GmbH, einen Antrag an die EWN zwecks Zwischenlagerung von Kernbrennstoffen aus dem Rückbau der Kompakte Natriumgekühlte Kernreaktoranlage (KNK)


2003 übernahm die EWN GmbH als Tochtergesellschaft das Kernforschungszentrum Jülich


2006 übernahm die EWN GmbH als Tochtergesellschaft das Kernforschungszentrum Karlsruhe inklusive der Wiederaufarbeitungsanlage (WAA), diverser Versuchsreaktoren und jede Menge hochradioaktiven Atommülls, den die Energieversorgungsunternehmen (EVU) in den 70er und 80er in Karlsruhe entsorgen durften. 16 kg Plutonium und 500 kg Uran sowie etliche ebenfalls radioaktive Spaltprodukte sind übrig geblieben, 40 % davon sind Industriemüll (abgebrannte Brennelemente) aus den Leistungsreaktoren der EVU (von wegen Forschungsmüll!). Abgespalten zur Wiederverwendung wurden in Karlsruhe von 1971 bis 1990 letztlich 1,1 Tonne (waffenfähiges) Plutonium (für eine Atombombe braucht es 5 kg) und 200 Tonnen Uran. Zu 90 Prozent entsteht dabei hochgefährlicher Abfall. Die Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen wurde in Deutschland am 1.7.2005 eingestellt. Die Rückbaukosten für die Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe (WAK) betragen insgesamt knapp 3 Milliarden Euro, die EVU hatten sich schon früh ihren finanziellen Beitrag auf 1 Milliarde DM deckeln lassen, die restlichen Milliarden Euro zahlen wir, die Steuerzahler.


Im September 2004 teilte die EWN GmbH der Landesregierung Mecklenburg-Vorpommern mit, dass sie beabsichtige, Kernbrennstoffe aus Forschungsvorhaben des Bundes einzulagern. Es sei ein Änderungsantrag nach § 6 AtG zwecks Einlagerung von hochradioaktiven "West"-Abfällen im ZLN in Vorbereitung.


Am 26.4.2005 wurde dieser Antrag an das Bundesministerium für Strahlenschutz (BfS) gestellt.

Während wir in Greifswald 2006 im Verwaltungsgericht Greifswald saßen, und uns aufregten, dass die "Pufferlagerung" von schwach- und mittelstrahligem Abfall von 2 Jahren vorher und nachher auf 5 Jahre vor- und nachher per Gerichtsbeschluss verlängert wurde, uns immer und immer wieder von allen Seiten versichert wurde, nur der KKW-Müll aus Rheinsberg und Lubmin lagert im Zwischenlager, da waren alle schon längst damit beschäftigt, uns zum "Atomland Ost" machen zu wollen (siehe Spiegel 1/96).

Es stellte sich heraus, die Halle ist nicht umsonst so groß gebaut worden, sie ist faktisch das größte atomare Zwischenlager Europas! Das Zwischenlager Nord, in dem angeblich nur die „Reste“ der KKW Rheinsberg und Lubmin zwischegelagert werden sollen, bis ein Endlager eingerichtet wird, ist deutlich größer als das Zwischenlager Gorleben. Die Halle in Gorleben ist 180 Meter lang und 38 m breit. Die Halle in Lubmin ist ebenfalls 180 m lang, aber 120 m breit (8 Hallen à 15 m Breite), also mehr als dreimal so breit wie Gorleben.


Vergleich mit Gorleben
Gorleben sollte auch zunächst nur ein regionales Zwischenlager werden, dann wurde es für 1500 Tonnen radioaktive Spaltabfälle genehmigt. 1995 wurde die Genehmigung auf 3800 Tonnen (mit 420 Castor-Stellplätzen) erweitert. Insgesamt darf es Atommüll in einer Menge aufnehmen, deren Radioaktivität der hundertfachen Menge jener Radioaktivität entspricht, die in Tschernobyl freigesetzt wurde.


Die genehmigte Menge Atommüll im Zwischenlager Nord bei Lubmin beträgt derzeit 585 Tonnen. Damit haben wir es mit Radioaktivität zu tun, die der 17fachen Menge jener Radioaktivität entspricht, die in Tschernobyl freigesetzt wurde.


Da die Halle des ZNL aber dreimal so breit ist wie jene in Gorleben, passt demnach auch dreimal so viel Atommüll hinein. Das entspräche dann ca. der 300-fachen Menge an Radioaktivität, die in Tschernobyl freigesetzt wurde.


Strahlenbelastung
Im Bericht des Spiegel (1/96) ist zu lesen, dass laut Angaben des Antragstellers durch die Lüftungsklappen (Lüftungskonvektion) ständig radioaktive Teilchen in die Luft geblasen werden. Diese Teilchen sind z.B. Tritium, Krypton, Iod und Kohlenstoff 14.


Da die Castoren zusätzlich ständig Gamma- und Neutronenstrahlen abgeben, entweichen diese Strahlen auch durch die Lüftungsklappen in die Biosphäre. 

Zur Gammastrahlung werden seit 1950 Krebssterblichkeitsregister in Hiroshima und Nagasaki geführt. Die internationale Strahlenschutzkommision (ICRP), welche allen Ländern und Nationen Empfehlungen zu Grenzwerten gibt, hatte 1977 den Grenzwert auf 1,25 Todesfälle bei 1 Sievert Gammastrahlung empfohlen. Seitdem gilt dieser Wert in unserer deutschen Strahlenschutzverordnung.

1990 musste die gleiche Kommission ihre Grenzwerte korrigieren: auf 10 % Todesfälle pro Sievert.

Doch die Bundesregierung in Deutschland weigerte sich bisher, den neuen Grenzwert zu übernehmen. Damit ist die Gefahr von tödlich verlaufenden Krebserkrankungen faktisch 8 mal höher als die Schutzverordnung es erlaubt.

Gamma- und Neutronenstrahlen, die in unseren Körper eindringen und ihn durchdringen, übertragen einen Teil ihrer Energie auf die Zellen. Diese können mitsamt ihrer Kerne dadurch abgetötet oder geschädigt werden. Geschädigte Zellen können verschiedene Krankheiten und Defekte auslösen wie z.B. Leukämie, Krebs, Schädigung des Erbgutes, Missbildung entstehenden Lebens.

Übrigens hat demnach jeder Polizist, der dicht (70 cm Entfernung) an der Ummantelung des Castors steht, seine tolerierbare Jahresdosis binnen 9 Minuten erreicht. (Näheres dazu unter Strahlenbelastung am Castor).

Neutronenstrahlen werden übrigens von der Strahlenschutzkommission mit einer 50 mal höheren Schadwirkung als Gammastrahlen bewertet. Unsere Bundesregierung bewertet Neutronenstrahlen jedoch nur mit einer 10fach höheren Schadwirkung und das unverändert seit 1959! Und noch 1969 dachte man, dass der Atommüll im Jahre 2000 nur 8000 Kubikmeter beträgt (Kasten mit Kantenlängen von 20 mal 20 mal 20 Metern).


Im Herbst 2010 kommen 16 kg Plutonium und 500 kg Uran aus Karlsruhe, aufgelöst in 16.000 Liter Salpetersäure und verglast in 130 Kokillen. Diese Menge wird in 5 Castorbehältern ins Zwischenlager Nord transportiert. Sie entspricht der Menge an Radioaktivität, die 1986 in Tschernobyl entwich.


In den neunziger Jahren kalkulierte man, dass in den bevölkerungsarmen Regionen der Widerstand gering und der "arme Osten" dankbar für jeden Arbeitsplatz sein würde.


(Text mit freundlicher Genehmigung der Autorin gekürzt)




 



Die Atommüll-Kommission startet eine Initiative zur Bürgerbeteiligung bei der Standortsuche zur Lagerung hoch radioaktiver Abfallstoffe. Auf mehreren Veranstaltungen können Bürger mitdiskutieren. Schalten Sie sich ein!

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